Warum wir auch im neuen Jahr kleinen Hoffnungsschimmern eine große Bedeutung schenken

10.01.2018 09:28

Die Geschichte eines verlorenen Kindes, das zu seiner Familie zurück fand.

Wir fahren den holprigen Weg Richtung Kinderdorf. Plötzlich klingelt das Telefon unserer Sozialarbeiterin Jenny. Von dieser Sekunde an nimmt das Leben der 7-jährigen Maria eine entscheidende Wendung.

Maria lebt seit Juni 2016 im MARIPHIL Kinderdorf. Die Sozialarbeiter eines Kinderheims der nahegelegenen Insel Samal brachten sie zu uns. Als Findelkind ohne jegliche elterliche Fürsorge wurde sie aufgefunden. Als sie ins Kinderdorf kommt, ist sie schüchtern und ruhig. Das legt sich aber schnell und immer mehr entwickelt sich Maria zu einem aufgeweckten, selbstbewussten Mädchen, welches gerne in die Schule geht und tanzt. Trotz ihrer altersgerechten Entwicklung unterscheidet sich Maria von den anderen Kindern in ihrem Haus. Teilweise nimmt sie sich Sachen, die ihr nicht gehören oder ist undankbar, wenn sie nicht die komplette Aufmerksamkeit bekommt. Auch sind Wutausbrüche keine Seltenheit. So hat sie es oftmals nicht leicht mit den anderen Kindern, da es auf Grund ihres Verhaltens zu Streitigkeiten kommt. Es ist nicht immer einfach, einen Zugang zu ihr zu finden. Als hätte sie in ihrem jungen Leben noch nicht viel Zuneigung erfahren, verweigert sie sich häufig schon einer einfachen Gute-Nacht-Umarmung.

Da es lange keinerlei Anhaltspunkte zu Marias Herkunftsort und -familie gibt und keine Verwandten bekannt sind, stehen alle Zeichen auf Adoption, um ihr ein alternatives Familienleben zu ermöglichen. Für Maria ist es keine einfache Situation. Wenn ich mit den Kindern im Yellow House über ihre biologischen Eltern oder ihre Vergangenheiten rede, landet das Gespräch immer bei Marias bevorstehender Adoption. Immer wieder sagt sie, nicht adoptiert werden zu wollen. Ihr sehnlichster Wunsch ist, ihre eigene Familie wieder zu sehen. Mit ihren richtigen Geschwistern aufzuwachsen. In ihrer gewohnten Umgebung, welche sie scheinbar noch gut in Erinnerung hat.

Immer wieder erzählt Maria, dass sie sich an drei - wie sich später herausstellen sollte, entscheidende -Dinge aus ihrer Vergangenheit erinnern kann. Zum einen erwähnt sie immer häufiger den Namen der Stadt, in der sie zusammen mit ihrer Familie gelebt hat. Zum anderen berichtet sie, dass ihre Mutter in Manila arbeite und ihr Vater im Gefängnis sei. Drei Anhaltspunkte, die Marias Hoffnung auf eine Rückkehr in ihre Ursprungsfamilie nicht erlöschen lassen.

Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, ob sie die Wahrheit erzählt. Es ist also eine Entscheidung zu treffen, ob und wie viel Glauben und Vertrauen man einem 7-jährigen Kind schenken kann, das verzweifelt zu seiner Familie zurückkehren will. Die Sozialarbeiter und die Kinderdorfleitung folgen schließlich den wenigen Informationen und machen sich auf den Weg in die drei Autostunden entfernte Stadt. Dort melden sie den Fall beim örtlichen Radiosender, beraten sich mit den zuständigen Sozialarbeitern vor Ort und in Kooperation mit der Polizei wird ein großes Foto von Maria aufgehängt.

„Hello?“ - „Yes Sir, this is Jenny from MARIPHIL Children´s Village in Panabo.“ - „Yes, Sir. Last week, Sir.“
Die weitere Konversation ist auf Visaya, aber an Jennys aufgekratzter Stimme erahne ich, dass etwas Besonderes passiert sein muss. Ein paar Minuten später legt unsere Sozialarbeiterin den Hörer auf und schaut mich mit großen Augen an: „The police officer called. We found the grandfather of Maria.“ 
Ein Gänsehaut-Moment.

Fünf Tage später folgt dieser überraschende Anruf von der Polizeistation: Marias Großvater hat durch Zufall das Foto seiner vermissten Enkeltochter entdeckt und sich sofort gemeldet. In einem emotionalen Telefongespräch verdeutlicht er sehr gerührt, dass er Maria auf schnellstem Wege bei sich aufnehmen möchte.

Wieder einige Zeit später halte ich ein Foto von Maria als Baby und das Hochzeitsbild ihrer Eltern in den Händen. Vor mir sitzt ein älterer Herr. Weinend und auf Marias Geburtsurkunde blickend. Er erzählt wie ein banaler Streit zwischen dem Vater, der tatsächlich im Gefängnis sitzt, und Marias Stiefmutter eskalierte und sie mit Maria verschwand. Niemand wusste wohin. Niemand wusste, wie es Maria geht. Und die Hoffnung, Maria jemals wieder zu sehen, verblasste mit jedem Tag.

Zwei Jahre später sitzt nun der Großvater vor uns. Gerührt und glücklich. Mit wahren Absichten, seine verloren geglaubte Enkeltochter wieder zu sich zu holen. Sie bei sich aufzunehmen und gemeinsam mit ihren vier Geschwistern groß zu ziehen. Ihr die Liebe und Zuneigung einer eigenen Familie zu schenken, nach der sie sich doch so lange gesehnt hat. Beim Abschied mache ich noch schnell ein Foto vom Großvater und Marias jüngerem Bruder, welcher ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Noch ahnt Maria nicht, dass sich ihr Leben bald grundlegend verändern und ihr größter Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen wird.

„That’s me and my Lolo!“, ruft Maria begeistert. Ich frage sie, ob sie wirklich sich selbst und ihren Opa auf dem Foto wieder erkenne. Sie schaut erneut und erzählt lachend, dass es ihr kleiner Bruder sei. Jenny, die Sozialarbeiterin, erzählt Maria, wen wir am heutigen Tag getroffen haben. Dass ihr Großvater sich gemeldet und immer nach ihr gesucht habe. Und dass er sie bei sich aufnehmen möchte. Maria schaut ungläubig und möchte am liebsten sofort zu ihrem Opa zurück.

Der erste Kontakt zwischen Maria und ihrem Großvater ist zaghaft. Er nimmt sie gerührt in den Arm und schaut ihr in die Augen, so als könne er es nicht fassen. Maria erblickt ihren kleinen Bruder und nach kurzem Annähern, tollen sie schon herum, als wären sie niemals getrennt gewesen. Auch Marias Onkel und Tante sind berührt von der Zusammenkunft. Gemeinsam schauen wir uns alte Familienbilder an und der Großvater erzählt, dass Marias Mutter bald aus Manila zu Besuch kommen möchte. Maria hingegen erkundet schon sichtlich glücklich mit ihren Geschwistern ihr altes und neues Zuhause.

Mit dem sicheren Gefühl, dass Maria sich schnell wieder einleben wird, verabschieden wir uns und erfahren ein letztes Mal die tiefe, aufrichtige Dankbarkeit des Großvaters.

Maria, ich wünsche dir, dass du die verpasste Zeit mit deiner Familie schnell wieder aufholen und ihr gemeinsam in eine glückliche Zukunft schauen könnt, so wie du es dir lange gewünscht hast!

Von: Ruth Graumann, Volunteer MARIPHIL Kinderdorf

Marias Geschichte hat uns zum Jahresende verdeutlicht, wie wichtig es ist, die Hoffnung nicht aufzugeben und sich alles zum Guten wenden kann, wenn man nur bereit ist, dafür zu kämpfen und keinen Aufwand zu scheuen. War es auch noch so unwahrscheinlich, dass sich nach so langer Zeit ein Familienmitglied melden würde, sind die Mitarbeiter aus dem Kinderdorf ein Wagnis eingegangen und haben damit Marias ganze kleine Welt gerettet und eine Familie vereint, die die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte. Eine Erfolgsgeschichte, die uns einmal mehr zeigt, dass MARIPHIL einen Unterschied machen kann. Auch im Jahr 2018 wollen wir Hoffnungsschimmer ernst nehmen und sie für so viele Menschen wie möglich zum Erleuchten zu bringen.

Maria kann nun mit ihrer Familie in eine gemeinsame Zukunft blicken.

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